Im Sommer

Das Meer ist heute ruhig. Zumindest wäre es ruhig, würden nicht abertausende Urlauber die ersten hundert Meter Wasser in einen Whirpool aus Sandspielzeug, lauwarmen Schaum und sonnenverbrannter Leiber verwandeln. Erst weit hinter diesem Irrsinn schweben kleine weiße Segelboote durch dunkleres ungestörtes Blau. Der Horizont scheint mit dem Lineal gezogen. Italien! Was für ein Sommer. Die Sonne brennt jetzt im August gnadenlos herunter, kein Wölkchen trübt den Himmel… So langsam bin ich angekommen und eine gewisse Urlaubsstimmung macht sich breit.

Unser Campingplatz – einer von vielen am langen Strand von Bibione bis Jesolo – hat uns einen Schirm und zwei Liegen zugeteilt. Wir sind zu viert! Und weil wir nicht zum ersten Mal hier sind (zweitem!), haben wir einen extra Schrim dabei. Von der Liegefläche her reicht es schon mit den zwei Klappliegen. Unsere Mädchen sind sowieso mehr im Wasser oder 50cm unter dem Sand zu finden. Der an der Sonnencreme klebende Sand herhöht den Schutzfaktor sicher erheblich.
Vielleicht wäre das ein guter Tipp für den Herren drei Liegen weiter. Dessen Hautfarbe hat schon eine beängstigende Farbe angenommen. Würde er rein phänotypisch nicht so sehr einem Walross gleichen, könnte man ihn mit einem Krebs verwechseln. Einem gut durchgekochten Krebs. Neben ihm und rund umher liest „Mutti“ den neuesten Follett. Oder in der Bild. Deutschland im Urlaub. Ab und an ist allerdings auch mal eine Kronenzeitung dabei. Dass die italienische Bademeile kein Kulturreisezielt ist, war aber auch klar. Links und rechts von unserem Liege(n)platz relaxen die Menschen und dümpeln in seichtem Wasser – klassischer Sommerurlaub!
„Schau dir die Narrischen an, die g´frein sich auf das Bananenboot“ tönt es da von nebenan. Aha, denke ich mir, unsere Nachbarn sind auch Deutsche. Überraschung! Die vierköpfige Familie gleicht uns in einigen Kriterien. Papa liegt mit Buch auf der Liege, die Kinder buddeln im Sand und Mutti guckt. Aufs Meer, auf die Kinder, in ein Buch, auf die Andern. Aber nur, wenn keiner zurückguckt. Wir schauen bemüht aneinander vorbei. Wer will schon Konversation machen, wenn alle so schön die Ruhe und die Sonne genießen. Ich konzentriere mich nachdrücklich auf meinen Schreibblock. Nur als die Tochter der Nachbarn den Aushub so weit und hoch aus ihrem Buddelloch wirft, dass sie mich mit samt Handtuch, Block und Stift einsandet, während ihre Mutter seelenruhig in die Weite starrt, muss ich wohl oder übel mal was sagen. Ohne ein Wort der Entschuldigung (Warum auch, ich hab ja schließlich auch Kinder, ich kenne das doch!), zitiert sie ihren Nachwuchs neben sich. Die Kleine darf nun garnicht mehr graben und sieht mich mit vertränten Augen vorwurfvoll an. Ein Lächeln spare ich mir unter diesen Umständen – hier bin ich sowieso unten durch. Etwas später ist die drakonische Strafe der Mutter auch schon vergessen und das Mädel buddel fleißig an einer anderen Stelle ein neues Loch. Zumindest bin ich nicht mehr in der Linie des Sandwurfes.
Langsam geht es auf den Abend zu. Oder besser gesagt auf die Abendbrotzeit. In Scharen verlässt das Volk den Stand. Die gut erzogenen Miturlauber bringen brav ihre zwei Liegen samt Sonnenschirm zurück zum Beach Center. Zurück bleibt ein Mienenfeld aus Stolperlöchern. Dort, wo Nachbarsjunge 30 Meter von der Wasserlinie versucht hat, das Grundwasser zu erreichen, ist es so tief, dass ich Angst haben muss, dass Isabella darin verschwindet. Ausser dem Monsterloch haben sie noch ein paar Kippen und eine leere Coladose für die Strandreinigung da gelassen – wie aufmerksam, sonst hätten die ja nichts zu tun.
Am Abend kommen auch die echten Italiener raus. Hinter unseren Liegen spielen ein paar alte Männer Boule. Ihre Haut sieht aus wie gegerbtes Leder und im Gegensatz zu ihren gleichaltrigen Kollegen, die sich auf den noch aufgestellten Strandliegen ja nicht zu viel bewegen, ist kaum ein Gramm Fett zuviel an den Herren. Das muss die Sonne beim Gerbeprozess mit weggeschmolzen haben – an der Carb-reduzierten Kost in Pizza-Pasta-Land kanns ja nicht liegen. Ihr Spiel kommentieren alle unaufhörlich mit großen melodischen Worten, von denen ich kein einziges verstehe. Kann auch sein, daß sie sich über uns Urlauber lustig machen – könnte ich auch verstehen.
Das dauernde Gebrabbel hat einen ebenso beruhigenden Effekt, wie die unaufhörlich an den Strand schäumenden Wellen. Vor lauter Entspannung könnte mir fast langweilig werden. Zum Glück kommt hier alle paar Minuten ein verzweifelter Händler vorbei, um mich vor dem Einschlafen zu bewahren. Handtücher, Sonnenbrille, Rolex, Gucci-Tasche. Ich könnte mir all die schönen Sachen der Welt aussuchen. Ohrstöpsel würde ich nehmen! Aber die haben sie nicht im Angebot…